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Anektode aus dem Jahr 1916. Der Großvater erzählt...

Es war am frühen Morgen des 11. Juli 1916. Die Nacht hatte es heftig gebebt. In der Luft war noch staubiger Rauch zu spüren. Leichtfüßig wie ein Reh stieg der kleine Mariangelo den Pralongià hoch dem Setsass entgegen und schon konnte er von weitem den Punkt im Visier nehmen wo sein Vater, Francesco de Rü, warten sollte. Es lag eine seltsame Stille in der Luft. Der Vater war schon fast ein Jahr bei den Tiroler Standschützen, die unterhalb des Col di Lana die Postation eingenommen hatte. Wenig oberhalb, am Hauptkamm, verlief die Front, welche fest in italienischer Hand war. Als Kaiserjäger hatte sein Vater bis zuletzt gehofft, dieser verdammte Krieg könne binnen weniger Monate ein Ende nehmen. Die Nachrichten standen aber nicht gut. Dieser sinnlose Standkrieg hatte alle zermürbt.

 

Die Mutter hatte dem kleinen Angelo, wie wöchentlich schon seit Ostern, Proviant mitgegeben, um seinen Vater zu versorgen. Einige Kartoffeln, hartes Brot, Maiskörner und auch einige Zigaretten und eine kleine Schnapsflasche aus dem Pustertal her geschmuggelt, waren dabei.

 

Am vereinbarten Ort angekommen war weit und breit niemand zu sehen. Den gesamten Vormittag hielt sich Mariangelo dort versteckt und als er die Hoffnung fast schon aufgegeben hatte, sah er wie sich hinter den Bäumen etwas bewegte. ‚Mariangel, ula este pà?‘, hörte er sagen. Es war sein Vater, blass und abgemagert. Die Angst war ihm ins Gesicht geschrieben.
Der Vater erzählte ihm, er habe mit anderen Kameraden für Munitionen-Nachschub am Schreckenstein sorgen müssen. Spät die Nacht flog der ganze Kegel in die Luft. Zwei seiner Kameraden wurden von den Steinmassen verschüttet. Er konnte nur mit Mühe und viel Glück die Sprengung überleben. Er war zermürbt vom Gräuel des Krieges und wollte nicht mehr. ‚Gehen wir‘, sagte er, mit rauer Stimme.

 

Mariangelo, auch wenn er erst 10 Jahr alt war, wusste was das bedeutete. Desertieren war ein Akt für welcher die Todesstrafe vorgesehen war. Der Vater war trotzdem bereit dieses Risiko einzugehen wohl wissend, dass im Krieg das Leben doch täglich auf der Kippe steht. Es begannen für den Francesco de Rü 1 Jahr Versteckspiel zwischen Heuscheunen unterhalb des Cold de Medesc und nächtliche Heimbesuche um der Familie nützlich zu sein und um an etwas Warmes zu gelangen. 

Anektode aus dem Jahr 1916
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